Bath & Aachen

renaac
renaac: Endlich da. Jetzt nur noch eine kleine Einführung, Audioguide ans Ohr und los!

Ich gehe in die Altstadt und freue sich auf die berühmten Roman Baths – und bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, stehe ich plötzlich davor. Und dabei bin ich sogar an dem heutigen Bad vorbeigelaufen, ohne es richtig registriert zu haben. Na ja, bis auf die lange Schlange von Wartenden, die sich um das neue Gebäude schlängelt. Als ich erfahre, wofür die Leute da anstehen, bin ich voller Bewunderung für die Skurrilität der Insulaner in Bezug auf Freizeitvertreib. Es ist Nachmittag, und wenn die Leute noch vor diesem Wellness-Tempel stehen, wie lange möchten sie denn den Aufenthalt in demselben genießen? Gut, zum Schluss werden sie sowieso nur essen wollen, im Pump Room Restaurant. Ich verbuche das erst einmal als ‚typisch englisch’: Nur die Ruhe. Da ich zu kurz in England bin, um sie von diesem Inselvolk zu lernen, laufe ich weiter und – da sehe ich schon die King’s and Queen’s Baths. Mit drei ‚s’.

renaac: So sahen die Thermen damals aus – oder so ähnlich
renaac: So sahen die Thermen damals aus – oder so ähnlich

Bei einer kurzen Einführung in die Geschichte von Bath komme ich aus dem Staunen nicht heraus: Sie erinnert mich stark an die von Aachen. Ist nicht normal oder? Es macht mir die Stadt aber direkt sympathischer. Dann kommt die Besichtigung – und die ist das absolute Muss-Muss. Nicht nur, dass ich da gar nicht rauskomme, weil es dort so viel zu sehen und zu hören gibt. Wenn man sich schon die Mühe macht, mich multimedial in die Römerzeit zurückzubeamen, dann möchte ich es auch auskosten – ich brauche mehr Zeit – und die habe ich leider nicht. So ist es mit den Gruppenbesichtigungen. Also gehe ich weiter und muss meine Augen in der Dunkelheit der Piscina anstrengen. Von Fotos darf keine Rede sein, auch wenn Fotografieren erlaubt ist.
Aus der römischen Zeit sind da so viele Räume, Fragmente der Anlage erhalten, dass die Aachener vor Neid direkt so grün werden könnten – wie das Wasser in der Bathischer Therme. Es riecht zwar nicht so teuflisch wie in Aachen, und das ist vielleicht von Vorteil, denn dort würde man dem Geruch schlecht entfliehen können, nachdem man den stolzen Eintrittspreis von 14 Pfund bezahlt hat. Wunderheilungen durch dieses Wasser finden ebenso nicht statt –so wie in Aquisgrana. Das Wasser blubbert diskret – englisch halt – und plätschert, darf aus der Quelle direkt nicht probiert oder mit der Haut „erfahren“ werden. Und da ist Aachen natürlich klar im Vorteil – hier kann man es am Elisenbrunnen ohne Schwierigkeiten trinken. Wie in Aachen haben die Kelten auch hier in den Quellen gebadet – Wassertemperaturen vergleichbar.

renaac: Man sieht die Thermen an – und die eifersüchtige Kathedrale lugt auch schon hinter ihnen hervor
renaac: Man setzt zum Fotografieren der Thermen an – und die eifersüchtige Kathedrale lugt auch schon hinter ihnen hervor

Die Thermen wurden zwar nach dem Ende der römischen Herrschaft zum Teil zerstört und vergessen, doch das Baden ging weiter. Die Normannen fanden Gefallen daran, ließen aber selbstverständlich neben den Bädern eine Kathedrale bauen – Baden im Zeichen des Kreuzes. Im 15. Jh. versank alles für ein Jahrhundert in Bedeutungslosigkeit und Schlamm. Kurz nachdem in Aachen zum letzten Mal einem hier gekrönten König zugejubelt wurde und die Stadt sich nach neuen Prioritäten umschauen musste, erwachte Bath aus dem Dornröschenschlaf. Sogar Tuchmacher gab es in Bath wie in Aachen.
Etwa zur gleichen Zeit erlebte die Stadt die Wiederauferstehung durch Besuche vornehmer Gesellschaft und gar der Königin. Zwei Architekten John Wood der Ältere und sein Sohn John Wood der Jüngere entwarfen das Stadtbild von Bath. Moment mal! Hatte Aachen nicht auch seine zwei Couvens, Johann Jakob, der Vater und Johann Joseph, der Sohn?

renaac: Eine der drei Seiten von The Circus. Wer es sich leisten kann, hat sogar einen Garten davor, das heißt, drunter – ähm
renaac: Eine der drei Seiten von The Circus. Wer es sich leisten kann, hat sogar einen Garten davor, das heißt, drunter – ähm.

Von den Woods sind in Bath fantastische Straßenzüge geblieben, Häuser, die mit einem Zirkel geplant wurden: The Circus – ein runder Platz mit drei Häuserzügen drum herum und natürlich der riesengroße Bogen Royal Crescent – dazu noch vor einer prächtigen Gartenanlage. Die Architektur folg dem Stil des Italieners Andrea Palladio, von dem sich die Architekten haben beeinflussen lassen und sie sparten nicht an Material. Teile dieser Häuser, auch wenn sie etwas heruntergekommen aussehen und eher an alte Wohnanlagen italienischer Vorstädte erinnern, diese Häuserteile also sind teurer als so manche freistehende Villa. Um einiges vorwegzunehmen – Bath ist sehr teuer. Man sagt, es ist der Ausflugsort reicher Londoner – und das lässt sich leicht nachvollziehen – schon wenn man die Fensterauslagen der Geschäfte betrachtet. Da fällt mir ein: Aachen ist auch auf dem besten Wege dahin, vor allem, was Mieten angeht.
Eigentlich wundert es mich, warum Aachen nicht Bath als Partnerstadt hat, aber nicht mir darüber zu entscheiden.

renaac: Jolly’s macht die Old Lady of Milsom Street, wie man sie hier liebevoll nennt, zu einer wahren Flaniermeile mit Shopping-Effekt.
renaac: Jolly’s macht die Old Lady of Milsom Street, wie man sie hier liebevoll nennt, zu einer wahren Flaniermeile mit Shopping-Effekt.

In Bath gibt es das erste Warenhaus von Europa, Jolly’s, gegründet 1831. Eine Reihe von Eingängen erleichtert das Betreten und das Besichtigen. Heute bleibe ich allerdings beim Besichtigen.

renaac: Baden im Zeichen des Kreuzes
renaac: Baden im Zeichen des Kreuzes

Die Augen fallen mir aus, die Beine ab, ich will mich irgendwo hinsetzen und nicht gucken müssen. Ich wage einen Besuch der Kathedrale. Es war eine normannische Abteikirche, so nennt man sie, und sie steht an der Stelle der ersten. Mehrmals umgebaut, zerstört und wiederaufgebaut, hat sie ihre Gotik doch über die Jahrhunderte hinweg gerettet.

renaac: Fächer über Fächer
renaac: Fächer über Fächer

Die Kathedrale, in der man gar nicht unauffällig um Spenden gebeten wird, ist zwar nicht ganz leer, aber wenn man sich in eine Bank setzt und nach oben schaut, kann man die Menschen um sich herum glatt vergessen. Die englische Gotik verzaubert mich mit ihren Spitzbögen wie ausgebreitete Fächer – und wieder wird mir schwindelig!
Eine Farbe dominiert die ganze Stadt – hell gelb, wie der Kalkstein, der berühmte Bath Stone, aus dem sie gebaut ist: die Kathedrale, die Häuser, die Thermen, so weit das Auge reicht. Sie schafft diese südländische Atmosphäre, als ob der palladianische Stil nicht schon dafür gesorgt hätte.

renaac: Avon 1 oder Avon 8 – einfach Avon
renaac: Avon Nr. 1 oder Avon Nr. 8? – Einfach Avon.

Und nur der Fluss, Avon – einer von angeblich acht Flüssen dieses Namens in England – lässt bei jemandem aus Aachen einen leichten Neid aufkommen. Mhm, gut. Ich gönne ihnen ihren Fluss, was soll’s.

Lesung am 4. September 2015 in der Buchhandlung Katterbach zu Kohlscheid

Das Fußballspiel Deutschland gegen Polen schiebt einen dunklen Schatten über meine Lesung. Ich kann da schlecht dagegenhalten, habe im Leben noch kein einziges Tor geschossen und auch sonst bin ich sportlich nicht herausragend – was dabei noch ein Euphemismus ist. Trotzdem stelle ich mich der Herausforderung.

(c) renaac
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Noch ist nichts passiert. Die Gäste treffen langsam in der schönen Buchhandlung Katterbach in Kohlscheid ein. Einige Gesichter lassen mein Gesicht erstahlen, auch Bekannte haben den Weg zu der Buchhandlung gefunden. Man hat an alles gedacht. Sogar an einen passenden Hintergrund für mein farbig zugegebenermaßen schwieriges Kleid.

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Und dann führte die liebe Frau Katterbach in die Lesung ein, während ich die richtige Haltung auf dem Bänkchen suchte – und sie dann fand. Vorher erzählte ich noch etwas über dumme Diebe, von denen es in Aachen und in der Umgebung reichlich gab und gibt.

(c) renaac: Einer hatte es sogar auf einen Sockel geschafft, aber das ist eine andere Geschichte
(c) renaac: Einer hatte es sogar auf einen Sockel geschafft, aber das ist eine andere Geschichte
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Nachdem wir das mit den Dieben geklärt haben, kamen die Protagonistin und Pfarrer Jan dran, dicht gefolgt von zwei älteren Damen, aber die kennt ihr schon. – Auch diesmal fand das Publikum die zwei sympathisch. Fragen wurden eher direkt gestellt, unter vier maximal sechs Augen.

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(c) renaac)

Und zum Schluss bekomme ich noch ein nettes Geschenk – Cornelius-Bräu „Sanctus“ und „Eligius“ – mit passendem Glas gleich dazu. Schon diese Namen lassen einen Verdacht aufkommen, dass es beim Brauen fröhlich zugegangen sein muss. Ich werde es mir noch überlegen, ob diese Namen auch Gestalten bekommen, die literarisch verewigt werden müssten.

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Bei der Signierstunde wollen mir wieder einmal keine schönen Formulierungen einfallen, und es dauert ein bisschen, bis ich mich warmgeschrieben habe.

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Amsterdam – entspannt durch die Stadt

Aachen liegt im Herzen Europas – von dem Herzen aus ist vieles nicht weit. So auch die Stadt an der Amstel, das niederländische Venedig des Nordens. Es gibt zwar viele Städte, die einen Anspruch auf diesen Titel erheben, für mich ist es aber und bleibt Amsterdam.

renaac: Das Alte mit dem Neuen meisterhaft zu verbinden – darin sind die Niederländer Weltmeister.
renaac: Das Alte mit dem Neuen meisterhaft zu verbinden – darin sind die Niederländer Weltmeister.

Man kann dorthin mit dem eigenen Auto fahren. So läuft man am sichersten Gefahr, erstens unbarmherzig hohe Knöllchen zu kassieren, zweites das Auto an einem Ort abgestellt zu haben, den man nachher auch mit dem GPS nicht so schnell wieder findet, drittens – falls man die Bremse nicht richtig gezogen hat –, findet man das Auto nur mit Hilfe von Tauchern, denn die Grachten in Amsterdam sind stolze 3 m tief. Weiteres will ich nicht einmal kurz aufführen.

renaac: Meistens sind es Frauen, die sich in den Fenstern präsentieren, aber: 1. Das ist kein Fenster und 2. wir sind nicht in DIESEM Viertel. Und trotzdem weckt dieser Anblick ein komisches Gefühl ...
renaac: Meistens sind es Frauen, die sich in den Fenstern präsentieren, aber: 1. Das ist kein Fenster und 2. wir sind nicht in DIESEM Viertel. Und trotzdem weckt dieser Anblick ein komisches Gefühl …

Entspannter geht es eindeutig mit einem Bus, egal welcher Gesellschaft. Der Treffpunkt ist klar – meistens „Centraal Station“, die findet man immer – ist auch unweit von dem berühmten Rotlicht-Viertel. Dieses ist zwar auf keinem Stadtplan eindeutig markiert, aber spätestens am Publikum erkennt man es sofort: nicht ausschließlich, aber in der Überzahl sind es Männer, die unterschiedlichen Alters in Rudeln die Straßen abgehen und sich unentwegt gegenseitig angrinsen. Gegenseitiges Fotografieren ist nicht sehr beliebt, je nach Alter und Beziehungs- bzw. Familienstand. Die Damen, die ihre üppigen Formen in Schaufenstern anbieten, kann man glatt übersehen, wenn man sich in eine der schmalen Nebengassen verirrt hat. In dem Fall empfehle ich, dem Blick plus Gesichtsausdruck der Männer zu folgen. Nicht dass man mich falsch versteht: Auch Frauen gehören zum Publikum und auch die sind verschiedenaltrig. Gerade ist sogar eine Gruppe laut singender und wild winkender Frauen an meinem Restaurant vorbeigezogen. Der Grund ihres merkwürdigen Verhaltens blieb für mich im Verborgenen. Und der Name des Restaurants? Selbstverständlich „Kamasutra“, eines der besten indonesischen Restaurants in Amsterdam. Scharf wird dort – gegessen.

renaac: Amsterdam ist die Stadt der Blumen; nicht unbedingt Tulpen, so doch Blumen.
renaac: Amsterdam ist die Stadt der Blumen; nicht unbedingt Tulpen, so doch Blumen.

Wie der Zufall so will, hat sich die Batterie meiner Fotokamera just in dem Moment verabschiedet, als ich im Begriff war, die dortigen Straßenszenen fotografisch festzuhalten. Es war wie eine stumme Einladung, noch einmal nach Amsterdam zu kommen.
Zurück zur Station Centraal. Von hier wandeln wir zum Kai der Gesellschaften, die Ausflüge über Amsterdamer Grachten anbieten. Man steigt in ein langes und schmales Boot, ignoriert die Mitpassagiere und richtet die Kamera auf alles, was an einem vorbeizieht. Denn alles ist hier irgendwie anders. In der Überzahl wohnen wir in Städten, die im Glücksfall nur ein Fluss durchfließt. Hier dagegen gibt es Wasserläufe bis 100 Kilometer Gesamtlänge, passierbar über 1000 Brücke, sagt die nette, junge Herrenstimme aus der Konserve.

Eine Reise durch die Grachten ist für andre …

nein, nicht schick und fein, sondern für alle ein Muss. Der elegant glatzköpfige Boot-Driver ist sehr charmant, spricht Deutsch mit diesem süßen niederländischen Zungenschlag und macht hin und wieder Witze oder zeigt Sehenswürdigkeiten, die noch nicht in die Tourbeschreibung aufgenommen worden sind, wie beispielsweise Sluyswacht, ein schwarz gestrichenes Haus aus dem Jahr 1695 – frühere Schleusenwache –, wo sich heute eine Kneipe befindet und das so windschief steht, das man sich instinktiv fragt, ob man schon zu viel oder noch zu wenig getrunken hat. Man darf sich mit dem netten Bootsmann ablichten lassen, auf Wunsch – oder auch ohne – schneidet er Grimassen und posiert ausgefallen. So gibt immer wieder einen Grund zum Lachen, was für gelungene Fotos nur förderlich ist.

renaac: Es ist besser, wenn das Boot voll ist. Sonst kommt man nicht überall drunter durch.
renaac: Es ist besser, wenn das Boot voll ist. Sonst kommt man nicht überall drunter durch.

Die Straße, an der die Ausflugsboote die Touristenmassen einsaugen, um sie nach einer Stunde wie Bandwürmer – in einer langen Reihe – wieder auszuspucken, heißt Damrak. Eine wichtige Straße, denn sie führt uns direkt in die Altstadt. Selbstverständlich ist sie von Souvenirläden gesäumt, hier gehen alle vorbei, die mit den Schiffen, Zügen und Bussen nach Amsterdam gereist sind. Wenn man die Läden allerdings auf dem Hinweg ignoriert, mit dem Gedanken, dass man diese Straße sowieso zurückgehen wird, so kann man später gelassen eine Windmühle in Blau-Weiß, Tulpen aus Holz für die Tanten oder Nachbarinnen, bunte oder farbfreie hölzerne Klompen für ein unbeliebtes Familienmitglied und den unverkennbar duftenden Old Amsterdam in unterschiedlich großen Portionen fertig verpackt – für sich selbst – erwerben. Und wenn noch etwas Zeit bleiben sollte, besucht man die Body-Worlds-Ausstellung, um sich der eigenen Sterblichkeit zu vergegenwärtigen.

renaac: Die Wolken versprechen nichts Gutes. – Ja, ja, so ist das mit den Versprechen.
renaac: Die Wolken versprechen nichts Gutes. – Ja, ja, so ist das mit den Versprechen.

Direkt davor steht die Beurs van Berlage, eine Backstein-Romantik auf Niederländisch oder Anfang der Amsterdamer Schule in der Architektur genannt. Wenn möglich – reinschauen. Es ist heute ein Kongresszentrum, und die Geschäftleute tragen heute eine andere Kluft, doch strengt euere Einbildungskraft an …

renaac: Die Wolken versprechen nichts Gutes. – Ja, ja, so ist das mit den Versprechen. Gott sei Dank!

Am Dam in Amsterdam

Am Dam-Platz angekommen, werden wir mit der überwältigenden niederländischen Architektur konfrontiert, und das in Großformat. Sie ist eingedenk der Landesgröße sozusagen umgekehrt proportional, bezeugt aber die wirtschaftliche Größe desselben. Der Koningklijk Paleis, auch Paleis op de Dam genannt, zur Rechten ist ein Augenschmaus auch im Inneren. Die 10 Euro Eintritt sind wirklich gut investiert. Nach dem Entrichten der Gebühr steigt man die Treppe hinauf und ahnt schon die monumentale Größe des Bürgersaals, in dessen Fußboden drei Weltkarten in die Marmorplatten eingraviert sind, mit Amsterdam in der Mitte, selbstverständlich.

renaac: Eine Ansage für Selfie-Fotografen: Achtung, Absperrungen! Sie sind aus Metall, und es tut schrecklich weh, wenn man rückwärts drüber stolpert und auf der Weltkarte landet.
renaac: Eine Ansage für Selfie-Fotografen: Achtung, Absperrungen! Sie sind aus Metall, und es tut schrecklich weh, wenn man rückwärts drüber stolpert und auf der Weltkarte landet.

Der Rundgang wird von einem Audioguide unterstützt und so erfährt man Dinge, die vielleicht zweitrangig erscheinen mögen, für Interessierte jedoch eine gute Informationsquelle über die frühere und heutige Nutzung der zahlreichen Räume, oder besser: Zimmer, die um den zentralen Bürgersaal herum angeordnet sind. Es sind Wohnzimmer für prominente Besucher, und so werden diese auf eine harte Probe gestellt, denn – wer möchte schon in einer Kirche schlafen? Nein, es war und ist keine Kirche. Doch angesichts des alles beherrschenden Marmors und der schon dadurch entstandenen optischen Kälte fröstelte es mich – trotz der warmen Temperaturen da draußen. Da halfen auch die schönen großen Teppiche nicht dagegen. Als Dienst- oder Empfangsräume des früheren Rathauses – denn als ein solches wurde das Gebäude geplant und gebaut – kann ich sie mir schon eher vorstellen.
Nicht weniger interessant ist der kleinere Gerichtssaal, dessen Innenwand eine Reihe Kariatiden aufrecht hält, dazwischen Verurteilungsszenen. Wenn man bedenkt, dass die Verurteilten von dort direkt zum Galgen hinausgeführt wurden, fasst man sich unbewusst an den Hals, als prüfte man, ob sich da nicht schon eine Schlinge darum legt. Keine Farbe belebt den Raum. Wozu auch? Nicht zum Spaß hat man sich dort versammelt, würde ein echter Kalvinist kühl entgegnen.

renaac: Und? Wer ist aus Wachs und wer nicht?
renaac: Und? Wer ist aus Wachs und wer nicht?

Wenn man den Palast verlässt, kann man sich in das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds begeben. Viel Spaß beim Schlangestehen. Aber vielleicht lohnen die 22,50 Euro, wo George Clooney schon vergeben ist …
Oder man geht vielleicht in die Magna Plaza – Svarowski Boutique, ein ausgesprochen schönes Beispiel für eine Kaufhaus-Architektur nicht von der Stange. Die Kleider dort sind es teilweise, aber in diesem Ambiente kommen sie dem Käufer einmalig vor. Unter der Kuppel irgendwo ganz oben sehen wir uns mit einer wirklich gelungenen Mischung von unterschiedlichen Neo-Stilen konfrontiert, die harmonisch ineinander fließen. Die Liebe zum Detail lässt manchen schmunzeln: Wozu das alles? Eben drum, damit es als großes Ganzes eine Atmosphäre schafft, die nicht einschüchtert und trotzdem den Reichtum der Stadt bezeugt. Denn als früheres Hauptpostamt war das Gebäude ihrer Bedeutung verpflichtet.

Fietsen, fietsen overal

renaac: Ein Stellplatz für 5.000 Fahrräder. Ein GPS-Piepser wäre nicht falsch. Sonst empfehle ich die Ariadne-Methode.

Man wundert sich jedesmal, wie man es geschafft hat, trotz Tausender von Fietsen – die ohne Rücksicht auf die Fremden, die im Gegensatz zu ihren Autos keinen Hinweis darauf mit sich herumtragen, dass sie nicht von hier sind – über die Straße zu gehen, ohne angerempelt zu werden, und ohne dass einen die Autos überfahren, denn auch sie müssen sich gegen die Radfahrer im Straßenverkehr behaupten.

renaac: Drunter und drüber auf Amsterdamisch
renaac: Drunter und drüber auf Amsterdamisch

Wenn man es also heile über die Warmoesstraat in die Damstraat geschafft hat, folgt man derselben, dann … „über drei Brücken musst du gehen“, bis man Het Huis van Rembrandt mit angeschlossenem Museum het Rembradthuis erreicht hat.

renaac: Ein Muss für jeden Besucher der Stadt. Da fällt mir keine Alternative ein.

Das Museum muss man betreten, um den Eintritt zu entrichten, dann aber taucht man schnell in die Welt des alten Meisters ein und erfährt sogar, wie man damals Papier bedruckte. Was ihn inspirierte, steht in einer Art Kuriositätenkabinett. Der verdutzte Tourist erfährt auch, wie der Mensch – der sich das leisten konnte – damals in einem Schrank zu schlafen pflegte, und vermeidet über die Knochen nachzudenken, die ihm beim Aufstehen herrlich laut knacken mussten. Wer sich das nicht leisten konnte, fror des Winters oder nutzte zum Aufwärmen einen mit heißer Kohle gefüllten Behälter, den man vorm Schlafengehen unter die Decke schob. Wer sich auch das nicht leisten konnte, war nicht erwähnungswert.

renaac: Na bitte schön. Übernachtung: Elegant und diskret.
renaac: Na bitte schön. Übernachtung: Elegant und diskret.
renaac: Ganz anders hier. Offen, luftig und direkt am Wasser.
renaac: Ganz anders hier. Offen, luftig und direkt am Wasser.

Beeindruckt von Rembrandts Welt müsste man jetzt ins Rijksmuseum, doch es ist ein Ziel für sich, und das hebe man sich besser für einen separaten Besuch. Daher gehe ich zurück in die Grachtenwelt, sehe mir schmale Wege, blumengeschmückte Fassaden der Häuser aus den letzten vier Jahrhunderten. Es ist angenehm an dem lauwarmen Nachmittag. An De Waage vorbeiwandelnd erreiche ich Oude Kerk, die Alte Kirche, aus dem 13. Jahrhundert. Unscheinbar trotz ihrer Größe sitzt sie da breithüftig am Rande des Viertels der nicht verbotenen Liebe, welches durch das flirtende Pärchen markiert wird.

renaac: Sehr frivol, die jungen Menschen von damals.
renaac: Sehr frivol, die jungen Menschen von damals.

Wer die Kirche betreten möchte, muss seine EC- oder Kreditkarte zücken. Nach dem letzten Überfall wurden die Kassen aufgelöst, und jetzt wird es nur mit Plastik bezahlt. Das Kircheninnere wirkt irritierend unkirchlich. Es gibt da zwar noch hinter dem aufwändig gearbeiteten Lettner den Chorbereich mit einem Chorgestühl, das so manchen belustigt losprusten lässt. Daran sind die Figuren schuld, die sich unter den Sitzen befinden, und da diese hochgeklappt sind, sieht man die Figuren in unflätigen Posen umso deutlicher. Der Hauptaltar und die Nebenaltäre fehlen komplett, dafür gibt es noch eine imposante Orgel und sogar eine kleinere, auf der Halbhöhe an der Zwischenmauer hängend. Verhuurte, also vermietete Bänke stehen zusammengeklappt und -gestellt in der Mitte vor der Hauptorgel. Und nur im Mittelschiff stehen Stühle, als warteten sie auf eine Veranstaltung, und bieten den Besuchern Platz zum Verweilen und Ausruhen an. Der Fußboden ist vollständig mit Grabplatten von vor Jahrhunderten verstorbenen Persönlichkeiten, darunter auch Saskia, Rembrandts geliebter Ehefrau und neben Anna Frank der berühmtesten Tochter der Stadt.

renaac: Auseinandergenommen und wieder zusammegebaut - das sieht man dem Restaurant aber nicht an. Oder?
renaac: Auseinandergenommen und wieder zusammegebaut – das sieht man dem Restaurant aber nicht an. Oder?

Nichts ist hier so, wie man es sich in einer Kirche vorstellen möchte, und man verlässt sie etwas irritiert. Danach kann man umso mehr erleichtert in das Viertel roter Lichter, roter Fensterläden, leichter Mädchen mit roten Lippen und Koffeeshops ohne Kaffee eintauchen, den Verstand ausschalten – und einfach nur schmunzeln.
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Und was ist mit dem Kanabis- und dem Sexmuseum? – Ja, da war doch was …

Kennedypark: Eine soziale Oase im Multi-Kulti-Viertel

O ja, wer nicht dabei war, hat etwas verpasst. Vor allem kulinarisch, aber bei Weitem nicht nur das. Vor allem wenn man das Politische wegdachte und den Tag einfach nur genießen wollte – ein Gespräch mit fremden Menschen, das sich leicht anbahnen ließ, spontane Begegnungen, die Musik, die Darbietungen junger und nicht mehr so junger Menschen🙂. Es war ein schöner Tag.

Antonin, Polen – Auf den Spuren meiner Protagonisten

Sie sind zwar noch nicht diesen Weg gegangen, aber sie werden es tun. Glauben Sie mir.
Eine der Episoden wird in Antonin stattfinden, einem kleinen Ort an einem kleinen See südlich von Ostrów Wielkopolski in Zentralpolen, etwa einhundert fünfzig Kilometer von Posen entfernt. Im Tal des weitgehend unbekannten und unbedeutenden Flüsschens Barycz. Aber …!
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In Antonin hat im 19. Jahrhundert einer der einflussreichsten polnischen Adligen Anton Fürst Radziwill ein Jagdschloss bauen lassen. Wer diesen Radziwill, Stadthalter des Herzogtums Großpolen nicht kennt, kennt vielleicht den späteren Kaiser Wilhelm I. Dieser Herrscher hatte sich als junger Mann in seine frühere Antoniner Spielkameradin und später ein überaus attraktives Fräulein namens Elisa Friederike Luise Martha Radziwill, Tochter von Anton Radziwill verliebt. Und es war keine banale Liebschaft. Es war die Liebe bis zum Tod, denn aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass er zwar mit Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach verheiratet wurde – standesgemäß, versteht sich. Doch Elisa blieb für immer seine größte Liebe. Auf dem Sterbebett des Kaisers wurde unter seinem Kissen das Medaillon mit ihrem Konterfei gefunden. Seine Elisa war damals allerdings schon seit 50 Jahren tot.
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Nicht die zwei Geliebten sollen jedoch unsere Fantasie beflügeln, wenn wir von der Bundesstraße 11/25 nach rechts in einen unscheinbaren Weg abbiegen, der uns zum Parkplatz vor dem Jagdschloss führt. Allerdings muss hier noch über seine Architektur einiges gesagt werden.
Kein geringerer als Karl Friedrich Schinkel wurde mit dem Bauvorhaben beauftragt. Man würde also ein typisches klassizistisches Gebäude aus hellem Stein, griechischen Säulen erwarten, die ein mächtiges Tympanon tragen, in dessen Dreieck mythologische Gestalten posieren. Nichts dergleichen – und das ist die erste Überraschung. Es ist gebaut, man lese und staune! – aus Holz. Aus Holz und in Holzfarbe, d.h. hellem gelblichem Braun gestrichen. Es hat die Form eines Achtecks – bei dessen Anblick mir als zugezogener Aachenerin sofort der Aachener Dom in den Sinn kommt –, und an vier Seiten gehen davon Anbauten ab. Das spitz zulaufende Dach besteht aus Blech.
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Drei Stockwerke sind sofort erkennbar, das vierte versteckt sich unter dem Dach, doch man dürfe nicht denken, dass sich dort ein schnöder, verstaubter Dachboden befindet. Nein. Dort sind noch ein paar Zimmer, die ausnahmsweise keine Namen, sondern lediglich Nummern tragen und keineswegs klein und unscheinbar sind, was ich später feststellen darf.
Man betritt das Gebäude von der südlichen Seite und steigt einige Stufen, die zum Zentralraum führen, hinauf. Und hier kommt die nächste Überraschung. Der Zentralraum, der gleichzeitig Restaurant und Café beherbergt, ist diese uns schon bekannten drei Stockwerke hoch. In der Mitte steht ein großer Kamin, der baumstammartig bis zur Decke reicht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Kamin das ganze Gebäude trägt, denn ganz oben ruht der Dachboden darauf. Zwei Emporen verlaufen entlang der Wände und bieten Zugänge zu mehreren Zimmern und dem Treppenhaus. Von allen drei Ebenen kann man den Kamin bestaunen, wobei man immer mit den Köpfen der erlegten Hirsche mit prächtigen Geweihen konfrontiert wird, so dass man beschämt den Blick abwenden muss – so vorwurfsvoll sie einen mit ihren gläsernen Augen anschauen. Vierundzwanzig sind es an der Zahl, acht auf jeder Ebene. Falls sich jemand an dieser Stelle fragt, wer die edlen Tiere erlegt haben mochte, so weiß ich nur zu berichten, es waren nicht die Gäste des Fürsten, sondern zeitlich weniger entfernte Jäger.
Um den Kamin sind niedrige Tische und stillvolle kleine Sessel gruppiert, erst weiter an den Wänden stehen Esstische, die mit weißen Armen der Tischdecken den Mittelteil umarmen – Blick von oben!
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Es gibt noch einige Räume im Parterre und einem widmen wir uns jetzt. Es ist der Chopin-Gedenkraum, in dem sich Heiligtümer des Ortes befinden – die im Zusammenhang mit dem berühmtesten Gast, Frédéric Chopin stehen: ein Klavier, auf dem Maestro nicht nur spielte, sondern auch komponierte. Und er war ja der eigentliche Grund für meinen Besuch an diesem Ort. Zweimal soll er zu Gast bei den Radziwills gewesen sein und während des zweiten Aufenthaltes 1829 komponierte er die Polonaise C-Dur op. 3 und das Trio g-moll op. 8 für Klavier, welches er seinem Gastgeber gewidmet hat. Es gibt Gemälde, Drucke, Skulpturen, die Chopin darstellen – oder auch seine Körperteile: den Kopf und die rechte Hand. Auch seine berühmten weißen Handschuhe zieren die Sammlung.
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Es muss noch hinzugefügt werden, dass jedes Jahr in Antonin Musikfestivals zu Ehren Chopins stattfinden – „Chopin in herbstlichen Farben“, heißt das Musikfest, welches dieses Jahr im September veranstaltet wird.
Auch wer sich zu einer anderen Jahreszeit dort einfindet, darf seinen Musikstücken lauschen. Im Zentralraum des Jagdschlosses ertönen leise Chopins Balladen, Masurkas und Polonaisen vom Morgen bis zum Abend jeden Tag. Es sind wahre Streicheleinheiten für eine durch die Hektik des Alltags geschundene Seele. Man merkt, dass diese Musik eine magische Wirkung auch auf die gesamte Belegschaft des Hotels auszuüben scheint. Alle sind ausnahmslos freundlich und lächeln unentwegt ein nicht aufgesetztes Lächeln. Noch staunt man darüber, bis man selbst zu lächeln beginnt. Und vor allem sind sie alle ruhig, ohne langsam zu sein. Und ihre innere Ruhe scheint sich auf die Gäste zu übertragen. Man möge mir glauben, mein Herzschlag verlangsamte sich und mein Atem wurde ruhiger. Auch meine Gedanken fanden bald gerade Wege. Unglaublich, ich weiß.
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Mein Zimmer trägt den Namen Fürst Wilhelm, und ich teile es mit einer Freundin, die dieses Kleinod vor zwei Jahren entdeckte und mich nun überredete, hierher zu kommen. Zum Zimmer gehören ein Bad und ein Vorraum. Vor den Fenstern steht eine Lärche, die bei Wind die Fensterscheiben streichelt. Es ist ein sanftes Streicheln, wie alles hier.
Als wir später auf der Terrasse sitzen und die Menükarte studieren, fallen mir fantasievolle Gericht auf, die wie man uns versichert, den Reichtum der Gegend auf den Tisch holen: Wildschwein, Ente, Wachtel und allerlei Fische, garniert mit Waldfrüchten und Pilzen. Nichts für kleine Mägen – man braucht ein sehr dehnbares Verdauungsorgan, um all der Köstlichkeiten Herr zu werden. Und dabei lasse ich Desserts noch unerwähnt.
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Nach dem Suppentest gehen wir an den See: Baden steht nämlich auch auf unserem Programm. Nun ist der See seicht und das Wasser bereits ziemlich warm und grün. Für eine Runde Schwimmen reicht es allemal. So erkaufen wir uns das Recht auf ein Eisdessert. Chopin im Ohr, schmilzt mit dem Eis auch jeglicher Vorsatz schnell dahin, kulinarisch zurückhaltender aufzutreten. Am Abend wird richtig gespeist, mit allen Konsequenzen. Gut, dass man in der Gegend wunderbar spazieren oder Fahrrad fahren kann. Es gibt auch viele Gäste, die ihre Drahtesel abgestellt, auf ein Bierchen oder eine Cola hereinkommen.
Die Dame von der Rezeption zeigt mir bereitwillig weitere Räume, als sie erfährt, dass in ihrem Königreich eine Episode in meinem Krimi spielen wird. Leider kann ich nicht alles verraten, so dass sie zwar leicht enttäuscht ist, es aber wunderbar zu kaschieren vermag. Auch eine besondere Eigenschaft der Menschen hier. So bekomme ich aber das Zimmer zu sehen, welches Chopin damals bewohnte. Zwar neu möbliert, aber stillgemäß und mit viel Liebe zum Detail.

Zwei Tage später verlassen wir das Jagdschloss um viele wunderbare Eindrücke reicher und sehr, sehr entspannt. Und die Musik von Chopin klingt in unseren Ohren noch lange nach.

Eis an der Grenze

renaac: Tja ... wohin nun?
renaac: Tja … wohin nun?

Mir war nach Eis. Ich weiß natürlich, wo Eis in Aachen am besten schmeckt. Jeder weiß es. Das sieht man an den Schlangen vor Café del Negro. Die Erwähnung vom Café zum (angeblich politisch unkorrekten) Mohren lässt einem Wasser im Mund zusammenlaufen. Zamatteo in Rötgen und Kohlscheider Peppone sind unverrückbare Größen – am Gipfel der Berühmtheit festgefroren. An diesem heißen Samstag wollte ich aber plötzlich nicht mehr die altbewährten Leckereiproduzenten besuchen, sondern etwas Neues entdecken. Nachdem ich die Suchbegriffe ‚Eis‘ und ‚Belgien‘ eingegeben hatte, erschien in der Suchmaschine in erster Linie Panciera in Eupen, auch schon in Aachen eine bekannte Adresse – gewesen, da vor ein paar Jahren ins benachbarte Ausland verzogen. Da sah ich auf einmal eine Gelato Farm in Teuven, wo auch immer sich dieser Ort befinden mochte. Die Route in Belgien war schnell gecheckt – eine halbe Stunde und ich säße an einem Tisch vor einer Eisdiele mitten in der belgischen Pampa. Gedacht, gesagt, gemacht. Mit einer Freundin in Navi-Rolle und guter Stimmung brach ich auf. Die Landschaft direkt hinter der Grenze ist – ach, ‚fantastisch’ ist ein ja so inflationsgeschwächtes Wort. Hierfür bräuchte ich ein anderes. Nicht nur, dass sie Sehnsucht nach Wandern weckt. Sanfte Hügel mit gelb, dunkel- und hellgrün gefärbten Feldern und bewachsen mit Baumkugeln, die einzeln oder in Reihen stehen. Hier und da ein kleines Wäldchen, kleine Gehöfte. Jedes Mal, wenn ich diese Landschaft betrachte, frage ich mich, wie sie vor tausend Jahren ausgesehen haben mag. Ich würde gerne eine Zeitreise machen, um dies zu sehen, denn ich bin davon überzeugt, dass es keineswegs eine wilde, menschenleere Gegend war. Nicht hier.

renaac: Überhaupt nicht in Italien
renaac: Überhaupt nicht in Italien

Teuven war schnell gefunden, die Gelato Farm nicht ganz. Der Weg führte uns mitten durch die erstklassige Botanik. Da hätte sich ein jedes Navi schon längst verabschiedet und mich gegen einen Baum fahren lassen – meine Freundin ließ sich nicht vom rechten Weg abbringen. Sie dirigierte mich zielsicher durch ein Wäldchen, wo nur ein schmaler, wenn auch asphaltierter Weg hindurchführte. Plötzlich ein Schild, dann noch eins und nach zwei Kilometern standen wir vor der Farm.

renaac: Die sehr kalte Variante von Apfelstrudel mit Eis und Schlagsahne - nicht minder kalorienreich
renaac: Die sehr kalte Variante von Apfelstrudel mit Eis und Schlagsahne – nicht minder kalorienreich

Ein paar Holztische, ein Spielplatz und ein Holzhäuschen dem großen Hofhaus vorgebaut, und darin ein Junge, der uns das tollste Eis anbot. Und dieses Eis war aus der Milch der glücklichen Kühe gemacht, die fröhlich vor sich hin kauten und verdauten – auf den Wiesen nebenan. Dem Geruch nach schien es jedenfalls so.

renaac: Framboise Coup war auch nicht ohne
renaac: Framboise Coup war auch nicht ohne

Nach der Riesenportion à la Liégoise, also die Sommerversion von Apfelstrudel mit Eis und Schlagsahne, ist es mir gerade so gelungen aufzustehen. Meine Freundin schnaubte leicht nach ihrem Framboise Coupe. Uff! Jetzt galt es das Angegessene abzubauen. Der Weg war gerade und führte direkt … ins Ausland. Den Grenzstein hätten wir beinahe übersehen.

renaac: Warum war der Zugang verboten? – Dahinter kamen wir nicht
renaac: Warum war der Zugang verboten? – Dahinter kamen wir nicht.

Vielleicht noch auf der belgischen, möglicherweise aber schon auf der niederländischen Seite der unsichtbaren Grenze weideten Pferde, zwei große und ein Fohlen. Es hüpfte und sprang und galoppierte plötzlich mit einer unglaublichen Leichtigkeit.

renaac: Mama, Papa! Ich habe fertig!
renaac: Mama, Papa! Ich habe fertig!

Ein Stück weiter erinnerten uns Wohnwagen an einem nahe der Grenze gelegenen Hof daran, dass wir uns hier im Erholungskerngebiet der Niederlande mit einem beschwipsten Namen Heijenrath befanden. Es klang irgendwie ähnlich wie Hergenrath für Bierfreunde. An uns vorbei fuhren viele Autos mit Urlaubern drin, und doch wirkte der Ort wie ausgestorben. Na klar, sonst waren ja alle am Wandern. Deswegen kommen doch die Flachlandniederländer in ihre ‚Berge’ an der belgischen Grenze. Und ich kann sie verstehen – Begründung oben. Wir ließen uns indessen in einem Vorgarten nieder, der zum Heijenrath Hotel gehörte. Welch eine Ruhe und Gelassenheit herrschte hier! Da konnte man leicht vergessen, dass wir nicht in einem fernen Land waren, um einen ruhigen Urlaub zu machen, sondern auf einem Samstagstrip in Belgien und den Niederlanden gleichzeitig – nur ein paar Kilometer von Zuhause entfernt. Auf dem Rückweg entdeckten wir einen scheinbar verlassenen Obststand. Kleine Schälchen standen da, daneben lag ein Stück Karton mit der Bitte um Selbstbedienung, die sich auch auf die Zahlung erstreckte. Sehr vertrauensvoll lebte man hier.

renaac: Entweder waren wir zu früh oder zu spät ...
renaac: Entweder waren wir zu früh oder zu spät – das Geldkörbchen war leer …

Auch der schönste Sommertag geht irgendwann zu Ende. Es war Zeit, nach Hause zurückzufahren. An sich kein Akt, aber wir wollten eine neue Route ausprobieren. Wir fuhren Richtung Henri-Chapelle und kamen so an den Friedhof amerikanischer Soldaten, die hier im Zweiten Weltkrieg ihr Leben gelassen hatten. Die Sonne ging in gelbblauen Tönen unter und die Hügel am Horizont spendeten lange Schatten. sonnenuntergang Es war keiner der blutroten Sonnenuntergänge, von denen ja viele so schwärmen. Und trotzdem beeindruckte er durch die den Ort beherrschende, verzauberte Stille. Ein Moment der Unwirklichkeit. friedhof Auch andere Besucher flüsterten nur, als hätten wir alle Angst, etwas unwiederbringlich zu zerstören, das zu diesem Ort gehörte, dem Ort der Toten – an dem wir nur Störenfriede waren.

renaac: Über allem thronte eine beflügelte Jünglingsgestalt.
renaac: Über allem schwebte eine beflügelte Jünglingsgestalt.

Etwas schweigsamer, ja nachdenklicher stiegen wir ins Auto und fuhren die letzte Strecke nach Aachen.

Lesung am 21. Juni 2015 im „Frankenberger Dom“ zu Aachen

Zum ersten Mal habe ich aus meinem Buch in einer Kirche gelesen. Es las sich vielleicht etwas befremdlich, letztendlich war es kein Evangelium, sondern ein Krimi.
Die Herz-Jesu-Kirche in Aachen, oder wie man sie hier nennt – Frankenberger Dom –, soll nicht mehr instand gehalten oder gar teilweise einem anderen Zweck zugeführt werden.
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Der „Kirchbauverein Frankenberger Dom“, ein Verein voller liebenswerter Menschen hatte beschlossen dies zu verhindern. Bei der Veranstaltung, die aus diesem Anlass organisiert wurde, durfte ich auch meinen Auftritt haben.

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Eine Woche davor besuchte ich die Kirche, die so wunderschön stolz über der Viktoriaallee im Aachener Frankenberger Viertel thront, wie es sonst nur Sacre Coeur in Paris tut, wenn das französische Pendant auch viel größer ist.
Das kapriziöse Wetter machte es den Besuchern nicht leicht, die Häuser zu verlassen, wer es dennoch gemacht hatte, wurde mit allerlei belohnt.
lesen_altarMeine Lesung fand vor dem nördlichen Nebenaltar statt. Es war für mich zuerst etwas befremdend, mit dem Rücken zum Altart und der filigranen Marienfigur zu stehen, aber bald vergaß ich es angesichts neugieriger Gesichter, von denen ich die wenigsten kannte.
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Während der Lesung gab es hin und wieder Passagen, die die Zuhörer zum Lachen brachten. Das freute mich selbstverständlich sehr. Andererseits fragte ich mich, ob sich so etwas in einer Kirche geziemte. Anscheinend doch, egal, ob man sie als Gläubiger oder nicht aufsuchte. Der Kirche und ihrer Würde hatte es jedenfalls keinen Abbruch getan.

lesung_smalltalkDie freundlichen Gespräche im Anschluss an die Lesung gaben mir die endgültige Bestätigung, dass es eine gute Entscheidung war – und eine gute Erfahrung.

Vielen Dank, liebe Organisatoren, liebe Zuhörer und Leser!

Lesung am 16. Januar 2015 in der Buchhandlung Oelrich&Drescher in Eschweiler

Der Januar gehört hier im Rheinland zur fünften Jahreszeit, in der die meisten Menschen, unter anderen die in Eschweiler, alles andere im Kopf haben als Lesungen. Gehört doch Eschweiler zu den Städten, in denen die engagiertesten Karnevalsjecke leben. Trotzdem fanden sich einige treue Leser und Stammkunden der Buchhandlung an diesem Tag dort ein.
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renaac: Ein Austausch mit erfahrenen Fachkollegen freute mich besonders

Mit einem Gläschen Holunderlikör versuchte ich ihnen diese karnevalistische Entbehrung wiedergutzumachen. Und mit meiner Lesung.
lesung_1601_3Danach stellte ich mich vielen Fragen aus dem Publikum, die zu einer regen Diskussion führten, über mein Buch, über Krimis und das Buchwesen im Allgemeinen. Uh!
Und das alles während draußen der Karnevalsprinz mit Trara durch die Gegend kutschiert wurde.
Die Presse war auch dabei, und jetzt ist es öffentlich: Ich bin Öcher Mädche ohne Öcher Akzent. – Da habe ich nichts gegen die Öffentlichwerdung dieses Umstands.

 

 

 

Lesung am 23. Mai 2014 in der Benediktiner Abtei in Kornelimünster

Meine zweite Lesung in der Benediktinerabtei in Kornelimünster war ein Erlebnis besonderer Art.

renaac: In dieser verträumter Abtei war es
renaac: In dieser verträumten Abtei war es.

Eröffnet wurde Sie von dem hiesigen Abt Friedhelm. Es ging in meinem Krimi schließlich um Reliquien, die er höchstpersönlich vom Balkon der Corneliuskapelle in dem kleinen Ort an der Inde den Gläubigen zeigt.

renaac: Abt Friedhelm spricht – ich höre zu.
renaac: Abt Friedhelm spricht – ich höre zu.

Und auch wenn nicht zu seinen Aufgaben gehört, die Sicherheit der Reliquien zu gewährleisten, so wäre er bei dem Diebstahl direkt davon betroffen. Da sie jedoch rechtzeitig vor der Heiligtumsfahrt gefunden worden sind, lächelte der Abt bei der Begrüßung entspannt.

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lesen_publikum