Il Sapore di Bari Vecchia – der Duft der Altstadt von Bari


1.

(c) Renata A. Thiele
(c) Renata A. Thiele

Sicherheitshalber reservierte ich einen Platz für den Flug nach Bari. Ich wollte bequem sitzen und erholt ankommen. Ich hatte ehrgeizige Pläne. Bei einem Flugpreis von 37 Euro war das kein außergewöhnliches Extra. Unglaublich, wie viel heutzutage Flüge kosten! Mein Geldbeutel freute sich, aber ich hatte Gewissensbisse, dass ich so billig fliegen konnte. Normal ist so etwas eigentlich nicht. Globalwirtschaftlich jedenfalls. In wirtschaftlicher Mikroskala war das eine angenehme Ausgangsposition für meine Urlaubsplanung, die eine gewisse Großzügigkeit in weiterer Planung der Ferien ermöglichte, wie Hotelwahl, Besichtigungen und vor allem Restaurants. Man möchte in Italien nicht jeden Tag von Caffé e cornetto und Pizza per portare via leben. Mein Flug von Maastricht nach Bari verlief in angenehmer Gesellschaft eines niederländischen Ehepaares, welches – o Wunder! – eine Rundreise per Fahrrad unternehmen wollte. Ich stellte mir diese vornehmen, älteren Rotterdamer vor, wie sie gelassen durch die Puglia strampeln und in ihrem Rotterdamer Niederländisch das Gesehene kommentieren. Echt lekker!

In mich hineinglucksend sah ich aus dem Flugzeugfenster, während wir auf der Landebahn rollten, und freute mich, wie ich es nur in Italien tun kann. Ich bildete mir wie jedes Mal an, dass Italien nur noch auf mich wartete. Ich konnte mir das nie erklären, dieses Gefühl der Ungebundenheit und Freiheit auf der einen Seite und der Zugehörigkeit zu diesem Teil der Welt, mit dem mich eigentlich gar nichts außer Urlaubserinnerungen verband, auf der anderen. Vielleicht in meinem früheren Leben …? Das werde ich wohl nicht erfahren. Aber ich war mir sicher, das war mein Teil der Welt. Die Metro schien geradezu auf mich zu warten, als ich die Treppe zum Bahnsteig hinunterging. Das Großabteil war fast leer, nur zwei Männer unterhielten sich, als hätte es die Welt da draußen nicht gegeben. Als sie ausstiegen, stieg auch ich aus. Automatisch, unüberlegt. Ihr Verhalten war so bestimmend, dass ich mich nicht einmal fragte, ob das auch meine Station war. Und sie war es nicht. Das machte mir nichts aus, ich war ja in Bari. Also ging ich lächelnd ob meiner Unbekümmertheit durch die warmen Straßen der Stadt zum Hotel und zog nach und nach meine Jacke, dann meine Strickjacke und endlich meinen Pullover aus. Es war eindeutig zu warm, Ende Oktober. In Gedanken bildete ich die ersten italienischen Sätze, die ich im Hotel sagen würde, ich wollte mich nicht nur verständlich machen, ich wollte mich mit den Menschen auf Italienisch unterhalten. Das war meine Art, dieses Land noch intensiver zu erleben.

2. Via di Dante Aligheri ist eine der parallel zur Küste verlaufenden Straßen in Bari Nuova, doch unweit von Bari Vecchia, der Altstadt, und mein Hotel ‚Casa Dei Venti’ befand sich in einem Pallazzo, also einer Art Mietshaus an einer Ecke, sehr gut als Orientierungspunkt. Das Zimmer in violetten und schwarzen Tönen war sehr stilvoll eingerichtet, mit alten schmucken Schränkchen und Tischen. An den Wänden hingen wunderbare Stiche mit Motiven aus Bari und Karten. Alte Tischlampen und zwei lustige Figuren, die einen Hahn und eine Henne darstellten, ergänzten die Einrichtung. Sehr nachahmungswert war das Interieur, vor allem wenn man an so manche lieblos arrangierte Pensionen und Hotels derselben Preisklasse hierzulande denkt. Paolo, „Mädchen für alles“, war das Beste, was das Hotel anbieten konnte. Natürlich war das ganze Hotel nett und hübsch eingerichtet und hatte seine unverwechselbare Atmosphäre, was wäre aber das alles ohne Paolo, den Marinaio? Er stammte aus Torre a Mare. Sein Vater war Schuster, er aber liebte das Meer und wollte Matrose werden. Zurzeit segelte er über die Weltmeere nur in den Pässen seiner Gäste. Kaum angekommen, schickte mich Paolo direkt in die Stadt: Geh, sieh dir Bari Vecchia an, solange es noch hell ist“, sagte er und drückte mir den Stadtplan in die Hand. „Und hier wohnst du“, er zeigte auf ein Kreuz, welches er gleichzeitig auf dem Plan kritzelte. „Grazie“, warf ich kurz und packte meinen Rucksack. Als ich die Tür von dem alten Fahrstuhl schloss, setzte sich dieser in eine unruhige Bewegung. Langsam sank ich zwei Stockwerke hinunter in diesem altmodischen Gebäude. Die richtige Richtung war schnell gefunden, jetzt nur noch zur Via Vittorio Emmanuelle II., die mich noch von Bari Vecchia trennte. Hier atmete ich auf. Hier begann mein Urlaub. Zuerst galt es, das Herz der Stadt zu erobern.

3.

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Der Duft frischer Wäsche
(c) Renata A. Thiele

Jede Stadt hat ihren Duft. Über Paris schrieb ein Dichter, es rieche nach Flieder und … Poree. Wonach roch Bari? Mhm uah, nicht so schön!  – Zuerst stach mir der scharfe Geruch von Katzenurin in die Nase. Doch dann, einige Schritte weiter war plötzlich der andere Duft da – sehr vertraut, aus alten Zeiten, aus meiner Kindheit: der Duft von in einer Waschküche mit Kernseife gewaschener Wäsche. Ein wunderbarer Duft – und sehr intensiv! Ich fragte mich schon, ob das nicht irgendein Marketingtrick war. Denn dieser Duft weckte positive Gefühle sicherlich nicht nur in mir. Er schien mich zu steuern, so dass ich dachte, er wurde gezielt gestreut. Aber da sah ich schon ganze Segelwälder weißer Bettwäsche an den Leinen vor den Fenstern hängen. Das war kein Trick. Lascia (fare) a Dio las ich auf einer Tafel. Aber gerne.

Ich ließ mich durch die schmalen Gassen treiben, wo hinter jeder Ecke eine Überraschung wartete. Ja wartete, nicht lauerte. Diese Zeit ist vorbei, in der Bari Vecchia ein No-go-Area war. Nicht nur für Touristen, auch für Einheimische, wie mir später Paolo erzählte. In dieses Alte Bari war aus europäischen Mitteln viel investiert worden, und es hatte sich gelohnt. Diese wunderbare Altstadt ist jetzt einigermaßen sauber, warmgelb beleuchtet und auch an diesem späten Sonntagabend voller Menschen, die friedlich spazierten, auf den Bänken saßen und redeten und redeten – wie es Italiener an einem Sonntagnachmittag eben tun. Am liebsten hätte ich mich in die Nähe gesetzt und ihnen gelauscht. Aber sie redeten so unverständlich. Ich verzweifelte an meinem Italiano. Barese verstand ich ungefähr so gut wie, sagen wir, Öcher Platt – also rein gar nicht. Es klang dem Italienischen sehr unähnlich. Manchmal hörte ich irgendetwas Türkisches heraus, vielleicht war es auch Griechisch oder gar Portugiesisch – und staunte. Doch nach einer kurzen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gegend kam ich zum Schluss, dass dieser Gedanke gar nicht so abwegig war. Die turbulente Vergangenheit Apuliens, wirtschaftliche Kontakte zu Levante und auch spätere Geschichte brachten Menschen aus dem gesamten Mittelmeerraum an die Küste von Bari. Manche waren auch hier geblieben und mischten Fetzen ihrer Sprachen dem Bareser Dialekt bei. Wie und woraus Barese auch entstanden ist, man kann ihn am Kiosk lernen, an dem kleine Platten mit drauf gemalten Sätzen verkauft werden.

Bareser ABC
Bareser ABC

Bari Vecchia ist ein Labyrinth aus Gassen und Ecken. Sehr schnell verliere ich die Orientierung und laufe einfach so vor mich hin. Irgendwann wird das alles schon enden. Und es endet, wie es nicht schöner hätte enden können, direkt vor dem Castello Svevo, dem staufischen Prunkbau Friedrichs II. Den würde ich morgen besichtigen. Auf dem Platz davor in der Bar Castello gönnte ich mir das erste, sehr verdiente Bier, natürlich ‚Nastro Azzurro’. Mein Lieblingsbier, versicherte ich dem Barista und er grunzte zufrieden. Den Tag schloss ich im Ristorante ‚Da Paolo’ ab. Heißen hier alle Männer Paolo? Meine Pasta war sehr gut, aber zu mächtig. Nach einem doppelten Digestivo wandelte ich träge in das nicht ferne Hotel zurück und sehnte mich nur noch nach meinem Bett. Der erste Tag meines Bari-Urlaubs ging zu Ende.

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