Antonin, Polen – Auf den Spuren meiner Protagonisten


Sie sind zwar noch nicht diesen Weg gegangen, aber sie werden es tun. Glauben Sie mir.
Eine der Episoden wird in Antonin stattfinden, einem kleinen Ort an einem kleinen See südlich von Ostrów Wielkopolski in Zentralpolen, etwa einhundert fünfzig Kilometer von Posen entfernt. Im Tal des weitgehend unbekannten und unbedeutenden Flüsschens Barycz. Aber …!
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In Antonin hat im 19. Jahrhundert einer der einflussreichsten polnischen Adligen Anton Fürst Radziwill ein Jagdschloss bauen lassen. Wer diesen Radziwill, Stadthalter des Herzogtums Großpolen nicht kennt, kennt vielleicht den späteren Kaiser Wilhelm I. Dieser Herrscher hatte sich als junger Mann in seine frühere Antoniner Spielkameradin und später ein überaus attraktives Fräulein namens Elisa Friederike Luise Martha Radziwill, Tochter von Anton Radziwill verliebt. Und es war keine banale Liebschaft. Es war die Liebe bis zum Tod, denn aus gut informierten Kreisen weiß ich, dass er zwar mit Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach verheiratet wurde – standesgemäß, versteht sich. Doch Elisa blieb für immer seine größte Liebe. Auf dem Sterbebett des Kaisers wurde unter seinem Kissen das Medaillon mit ihrem Konterfei gefunden. Seine Elisa war damals allerdings schon seit 50 Jahren tot.
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Nicht die zwei Geliebten sollen jedoch unsere Fantasie beflügeln, wenn wir von der Bundesstraße 11/25 nach rechts in einen unscheinbaren Weg abbiegen, der uns zum Parkplatz vor dem Jagdschloss führt. Allerdings muss hier noch über seine Architektur einiges gesagt werden.
Kein geringerer als Karl Friedrich Schinkel wurde mit dem Bauvorhaben beauftragt. Man würde also ein typisches klassizistisches Gebäude aus hellem Stein, griechischen Säulen erwarten, die ein mächtiges Tympanon tragen, in dessen Dreieck mythologische Gestalten posieren. Nichts dergleichen – und das ist die erste Überraschung. Es ist gebaut, man lese und staune! – aus Holz. Aus Holz und in Holzfarbe, d.h. hellem gelblichem Braun gestrichen. Es hat die Form eines Achtecks – bei dessen Anblick mir als zugezogener Aachenerin sofort der Aachener Dom in den Sinn kommt –, und an vier Seiten gehen davon Anbauten ab. Das spitz zulaufende Dach besteht aus Blech.
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Drei Stockwerke sind sofort erkennbar, das vierte versteckt sich unter dem Dach, doch man dürfe nicht denken, dass sich dort ein schnöder, verstaubter Dachboden befindet. Nein. Dort sind noch ein paar Zimmer, die ausnahmsweise keine Namen, sondern lediglich Nummern tragen und keineswegs klein und unscheinbar sind, was ich später feststellen darf.
Man betritt das Gebäude von der südlichen Seite und steigt einige Stufen, die zum Zentralraum führen, hinauf. Und hier kommt die nächste Überraschung. Der Zentralraum, der gleichzeitig Restaurant und Café beherbergt, ist diese uns schon bekannten drei Stockwerke hoch. In der Mitte steht ein großer Kamin, der baumstammartig bis zur Decke reicht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Kamin das ganze Gebäude trägt, denn ganz oben ruht der Dachboden darauf. Zwei Emporen verlaufen entlang der Wände und bieten Zugänge zu mehreren Zimmern und dem Treppenhaus. Von allen drei Ebenen kann man den Kamin bestaunen, wobei man immer mit den Köpfen der erlegten Hirsche mit prächtigen Geweihen konfrontiert wird, so dass man beschämt den Blick abwenden muss – so vorwurfsvoll sie einen mit ihren gläsernen Augen anschauen. Vierundzwanzig sind es an der Zahl, acht auf jeder Ebene. Falls sich jemand an dieser Stelle fragt, wer die edlen Tiere erlegt haben mochte, so weiß ich nur zu berichten, es waren nicht die Gäste des Fürsten, sondern zeitlich weniger entfernte Jäger.
Um den Kamin sind niedrige Tische und stillvolle kleine Sessel gruppiert, erst weiter an den Wänden stehen Esstische, die mit weißen Armen der Tischdecken den Mittelteil umarmen – Blick von oben!
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Es gibt noch einige Räume im Parterre und einem widmen wir uns jetzt. Es ist der Chopin-Gedenkraum, in dem sich Heiligtümer des Ortes befinden – die im Zusammenhang mit dem berühmtesten Gast, Frédéric Chopin stehen: ein Klavier, auf dem Maestro nicht nur spielte, sondern auch komponierte. Und er war ja der eigentliche Grund für meinen Besuch an diesem Ort. Zweimal soll er zu Gast bei den Radziwills gewesen sein und während des zweiten Aufenthaltes 1829 komponierte er die Polonaise C-Dur op. 3 und das Trio g-moll op. 8 für Klavier, welches er seinem Gastgeber gewidmet hat. Es gibt Gemälde, Drucke, Skulpturen, die Chopin darstellen – oder auch seine Körperteile: den Kopf und die rechte Hand. Auch seine berühmten weißen Handschuhe zieren die Sammlung.
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Es muss noch hinzugefügt werden, dass jedes Jahr in Antonin Musikfestivals zu Ehren Chopins stattfinden – „Chopin in herbstlichen Farben“, heißt das Musikfest, welches dieses Jahr im September veranstaltet wird.
Auch wer sich zu einer anderen Jahreszeit dort einfindet, darf seinen Musikstücken lauschen. Im Zentralraum des Jagdschlosses ertönen leise Chopins Balladen, Masurkas und Polonaisen vom Morgen bis zum Abend jeden Tag. Es sind wahre Streicheleinheiten für eine durch die Hektik des Alltags geschundene Seele. Man merkt, dass diese Musik eine magische Wirkung auch auf die gesamte Belegschaft des Hotels auszuüben scheint. Alle sind ausnahmslos freundlich und lächeln unentwegt ein nicht aufgesetztes Lächeln. Noch staunt man darüber, bis man selbst zu lächeln beginnt. Und vor allem sind sie alle ruhig, ohne langsam zu sein. Und ihre innere Ruhe scheint sich auf die Gäste zu übertragen. Man möge mir glauben, mein Herzschlag verlangsamte sich und mein Atem wurde ruhiger. Auch meine Gedanken fanden bald gerade Wege. Unglaublich, ich weiß.
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Mein Zimmer trägt den Namen Fürst Wilhelm, und ich teile es mit einer Freundin, die dieses Kleinod vor zwei Jahren entdeckte und mich nun überredete, hierher zu kommen. Zum Zimmer gehören ein Bad und ein Vorraum. Vor den Fenstern steht eine Lärche, die bei Wind die Fensterscheiben streichelt. Es ist ein sanftes Streicheln, wie alles hier.
Als wir später auf der Terrasse sitzen und die Menükarte studieren, fallen mir fantasievolle Gerichte auf, die wie man uns versichert, den Reichtum der Gegend auf den Tisch holen: Wildschwein, Ente, Wachtel und allerlei Fische, garniert mit Waldfrüchten und Pilzen. Nichts für kleine Mägen – man braucht ein sehr dehnbares Verdauungsorgan, um all der Köstlichkeiten Herr zu werden. Und dabei lasse ich Desserts noch unerwähnt.
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Nach dem Suppentest gehen wir an den See: Baden steht nämlich auch auf unserem Programm. Nun ist der See seicht und das Wasser bereits ziemlich warm und grün. Für eine Runde Schwimmen reicht es allemal. So erkaufen wir uns das Recht auf ein Eisdessert. Chopin im Ohr, schmilzt mit dem Eis auch jeglicher Vorsatz schnell dahin, kulinarisch zurückhaltender aufzutreten. Am Abend wird richtig gespeist, mit allen Konsequenzen. Gut, dass man in der Gegend wunderbar spazieren oder Fahrrad fahren kann. Es gibt auch viele Gäste, die ihre Drahtesel abgestellt, auf ein Bierchen oder eine Cola hereinkommen.
Die Dame von der Rezeption zeigt mir bereitwillig weitere Räume, als sie erfährt, dass in ihrem Königreich eine Episode in meinem Krimi spielen wird. Leider kann ich nicht alles verraten, so dass sie zwar leicht enttäuscht ist, es aber wunderbar zu kaschieren vermag. Auch eine besondere Eigenschaft der Menschen hier. So bekomme ich aber das Zimmer zu sehen, welches Chopin damals bewohnte. Zwar neu möbliert, aber stillgemäß und mit viel Liebe zum Detail.

Zwei Tage später verlassen wir das Jagdschloss um viele wunderbare Eindrücke reicher und sehr, sehr entspannt. Und die Musik von Chopin klingt in unseren Ohren noch lange nach.

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3 Kommentare zu „Antonin, Polen – Auf den Spuren meiner Protagonisten

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  1. Liebe Renata,
    wie schön, dich bei deiner aktuellen (Bildungs-)Reise begleiten zu dürfen. Das Schloss derer von Radziwil ist ja ein Prachtstück. Der punktsymmetrische Grundriss und die zentrale Feuerstelle wirken (auch energetisch) sehr modern. Hast du herausgefunden, ob alle Räume des Hauses ausschließlich von dem riesigen Kamin beheizt wurden?
    Und dann noch die rührende Story von Wilhelm I. und der Radziwill-Tochter. Wie romantisch!
    Viele Grüße aus dem regnerischen Aachen
    Peter

    1. Die Beheizung war von dem Kamin ausgehend nicht möglich. Die Räume waren auch anders aufgeteilt. Die Badezimmer gab es nicht, denn die persönlichen Bediensteten schliefen in diesen Räumen, allerdings waren auch diese größer als die Bäder heute. Das alles mindert den Charme der heutigen Hotelanlage keineswegs.
      LG
      Renata

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