Aachener Möschen


„Sei still!“, schimpfte die Mutter leise. Hildchen hatte schon wieder gesummt, obendrein noch während des Gottesdienstes. Die Menschen um sie herum konnten das zwar nicht hören, da der Domchor viel lauter sang, aber ihre Mutter hörte es, und sie mochte das nicht. Sie mochte nicht, dass ihre Tochter sang und sie hatte Angst um ihre Tochter. Mädchen sangen nicht im Domchor. So war es schon immer, und es war nicht daran zu rütteln. Hildchen wollte diese Ausgrenzung nicht akzeptieren und stampfte jedes Mal erbost mit ihrem kleinen Füßchen, wenn ihre Mutter sie daran erinnerte. Sie sang nämlich gerne und oft, und alle, die ihre Stimme hörten, blieben stehen und hörten ihr verzückt zu. Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, sie jemals im Dom hören zu wollen.

An einem Abend, als sie am Brunnen auf dem Fischmarkt Wasser in den Eimer schöpfte sang sie wieder ihr Liedchen. Da kamen gerade die Jungen des Domchors. Sie hörten ihr kurz zu, dann aber näherte sich einer dem Brunnen.

„Du kannst so schön singen, wie du willst, bei uns wirst du nie singen. Nie!“, schrie er ihr ins Ohr, so dass sie erschrak und den Eimer umwarf. Das Wasser ergoss sich in breite Lache.

Die Jungen lachten auf, zeigten auf das Mädchen, das verschüttete Wasser und lachten und lachten.

Wie aus dem Nichts erschien plötzlich eine fremde Frau, gekleidet in ein dunkelblaues glitzerndes Kleid. Eine lange Strähne ihres leuchtend schwarzen Haares rutschte unter dem grünen Schal hervor. Sie sah edel und geheimnisvoll aus.

„Warum lacht ihr über sie? Sie singt doch schöner als ihr alle zusammen!“

Die Jungen wollten etwas entgegnen, aber aus einem unerklärlichen Grund konnte keiner einen Laut hervorbringen. Erschrocken liefen sie davon. Denn laufen konnten sie noch.

Die Fremde wandte sich nun zu Hildchen und sie lächelte das Mädchen freundlich an.

„Hallo meine Kleine, wie heißt du denn?“

„Ich darf nicht mit Fremden reden.“

„O! Dann sag mir nur, warum du so traurig bist. Vielleicht kann ich dir helfen.“

Hildchen betrachtete die Frau aufmerksam.

„Und wer sind Sie schon, dass Sie versprechen können, mir zu helfen, wo mir niemand helfen kann.“

„Versuch es. Mein Name ist …“, sie hielt inne, als überlegte sie, und beendete schließlich, „Hildegard“.

„So wie ich.“ Hildchens Gesicht erhellte sich. „Fast so wie ich.“

Die Frau schenkte ihr ein schönes Lächeln und Hildchen vergaß alle Mutters Warnungen

„Und?“

„Ich … ich darf nicht im Dom singen, nur weil ich ein Mädchen bin.“

„Oh, das ist aber schade. Du hast eine wunderbare Stimme.“

„Und ich singe so gern.“

Sie senkte traurig den Kopf.

„Komm heute Abend zum Fischmarkt“, sagte die Frau und als sie Hildchens überraschtes Gesicht sah, fügte sie hinzu: – Mach dir keine Gedanken, komm einfach nur, wenn du wirklich im Dom singen willst.

Hildchen rang mit der Entscheidung, mal gewann die Angst, mal die Neugier, mal der unbedingte Wille, im Dom zu singen. Und dieser obsiegte schließlich: Das Mädchen schlich nach dem Abendbrot aus dem Haus und eilte auf Zehenspitzen zum Fischmarkt. Als sie ein paar Stimmen hörte, versteckte sie sich in der Nische der Tür zur Taufkapelle und hielt den Atem an. Beinahe hätte sie laut aufgeschrien, als sich auf einmal eine Hand auf ihre Schulter senkte.

„Schsch“, hörte sie. „Schsch, ich bin es, komm.“

Und Hildchen folgte Hildegard. Die Frau blieb vor der linken Seitentür des Domes stehen, sah umher, holte etwas aus ihrem breiten Ärmel und berührte das Schloss. Langsam öffnete sich die Tür und sie schlüpften hinein. Im Dom herrschte Grabesstille. Hildchen konnte ihren eigenen Atem hören und ihr Herz pochte so laut, dass ihr schien, als hallten die Herzschläge in diesem großen Kirchenraum.

„Hier.“ Die Frau nahm sie an der Hand und zog in das Kircheninnere. Sie bogen nach links und stiegen die Treppe hinauf, die zum Thron des großen Kaisers Karl führte.

Oben angekommen warteten sie eine Weile, bis sich ihr Atem beruhigte.

„Nun. Jetzt kannst du singen.“

„Hier? Jetzt?“

„Genau. Das war doch dein Traum, oder nicht?“

„Aber wenn … Ich kann es nicht.“

Hildchen spürte einen Riesenkloß im Hals und fürchtete, gleich in Ohnmacht zu fallen.

„Schließ die Augen und sing. Was auch immer du willst. Ich passe auf, dass dich niemand dabei stört.“

Hildchen versuchte noch in die Dunkelheit zu spähen, und erblickte schließlich die Strahlenmadonna. Sie schien mit dem Mädchen zuzunicken. Das gab Hildchen Mut und sie holte tief Luft. Ihr Gesang glich dem der Engel und Hildegard betrachtete sie mit Tränen in den Augen. Dann aber verdunkelte sich ihr Blick und sie biss ihre Zähne zusammen.

„Wer ist das?“, ertönte es plötzlich im Säulengang, und Hildchen verstummte. „Wer ist da? Wer wagt, in der Nacht den Dom zu betreten und seine Ruhe zu stören?“, donnerte die Stimme des Domvikars.

„Die Stimme des Engels. Kannst du sie denn nicht erkennen?“, rief Hildegard von der Empore.

Der Vikar verzog das Gesicht, hob seine Soutane an, sprang zur Treppe und eilte herauf. Hildegard zog indessen Hildchen schnell zu der anderen Wendeltreppe und in Windeseile erreichten sie die Eingangstür.

Hildchen sprang erleichtert aus der Tür, doch draußen wartete eine böse Überraschung auf sie: Die zwölf Chorjungen stellten sich ihr in den Weg.

„Ich hatte die doch vorhin gesehen“, stellte einer fest und zeigte auf das Mädchen. „Schleichen musst du noch lernen. Und? Was sollen wir nun mit dir machen, du verhinderter Spatz?“

„Ihr werdet nichts mit ihr machen“, hörte Hildchen die nicht mehr so wohlklingende Stimme von Hildegard hinter sich. „Wollt ihr nicht, dass Hildchen mit euch singt? Gut. Dann werdet ihr wie die echten Spatzen singen.“

Die Jungen zuckten mit den Schultern und warteten. Als nichts geschah, fingen sie an zu lachen, zunächst verstohlen, dann immer sicherer und sie wurden unverschämter:

„Ha, ha! Willst du uns Angst einjagen? Wer bist du denn überhaupt?“

Hildegard machte eine kleine Bewegung mit ihrer linken Hand. Wie auf einen Schlag hörten die Jungen auf zu lachen. Sie konnten nicht sprechen, kein Laut kam aus ihren Kehlen. Sie japsten nur und schnappten nach Luft.

„Geh schnell nach Hause“, sagte sie zu dem Mädchen, das sich vor Furcht kaum bewegen konnte. Erst als Hildchen einen leichten Klaps auf dem Rücken spürte, rannte sie los, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Zu Haus angekommen, legte sie sich leise ins Bett, doch diese Nacht konnte sie vor Aufregung kein Auge zumachen: Sie hatte im Dom gesungen! Das hatte vor ihr kein Mädchen geschafft.

Hildegard machte wieder eine Handbewegung und die Chorjungen begannen … zu zwitschern. Man konnte denken, dass mitten in der Nacht eine Schar Spatzen ein Konzert geben wollte.

Am nächsten Morgen, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die Kuppelspitze des Aachener Doms streichelten, eilten die ersten Aachener zur Kirche. Sie waren sehr verwundert, als sie zwölf Spatzen sahen, die über dem Eingang zum Dom saßen und durcheinander zwitscherten. Bald verschwanden sie, um sich nach Sonnenuntergang wieder auf dem Dach einzufinden und die ganze Nacht zu zwitschern. An den folgenden Tagen, oder besser gesagt, in den folgenden Nächten, geschah das Gleiche: In den Gassen rund um den Dom erklang das Gezwitscher, bis der Morgen wieder anbrach. Der Domvikar hatte seine Mühe, sie zu verscheuchen, doch alle seine Maßnahmen nützten nichts.

Genauso vergeblich versuchte der Kantor seine Chorjungen zum Singen zu bewegen. Nicht nur, dass sie völlig erschöpft immerzu gähnten, sie konnten auch keinen vernünftigen Ton hervorbringen. Er raufte sich die Haare, schlug den einen oder anderen auf den Kopf, drohte mit schlimmen Strafen, sogar mit der Hölle, doch ohne Erfolg.

Und Hildegard? Rund einhundert Jahre zuvor wurde eine Hildegard als Hexe am Hexenberg außerhalb der Stadtmauer verbrannt – das brachte Hildchen erst viel später in Erfahrung. Eine andere Hildegard war weder den städtischen Chronisten noch den ältesten Aachenern bekannt.

Die Spatzen kannst du immer noch sehen, wenn du auf dem Münsterplatz stehst: Sie sitzen um einen Brunnen herum und zwitschern … allerdings lautlos.

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