Ein schwarzes Schaf ist besser als sein Ruf


 „Määäh! Määäh! Määäh!“

Acht weiße Schafe, groß und klein, mähten in Ruhe die Weide an einem der Breiniger Wanderwege ab. Oh, weh! Da war noch eins, das man auf den ersten Blick übersehen konnte. Es bewegte sich entlang eines Gebüschs auf und ab, als wollte es saubere, gerade Linien ziehen, abseits der chaotisch arbeitenden Herde. Es blökte seltener als die anderen und schaute hin und wieder zurück, um seine Arbeit zu begutachten. Im Gebüsch schmatzte es plötzlich, doch die Schafe merkten nichts davon.

„Lecker Schäfche“, murmelte der Wolf, und nicht einmal der Gedanke an deren Wollhaare zwischen seinen Zähnen könnte ihn von seinem Plan abhalten. Er bemühte sich, sein Sabbern zu unterdrücken. Erfolglos. Nach einer langen Wanderung war er ziemlich ausgehungert. Nicht überall hatte er es geschafft, ein Schaf zu reißen. Die Weiden waren oft mit einem Elektrozaun geschützt. Es hatte furchtbar wehgetan, als er es zum ersten Mal probierte. Danach war er vorsichtig geworden.
Hier sah die Sache anders aus, der Zaun stand nicht unter Spannung. Unter Spannung stand aber der Wolf, der eben unvorsichtig auf einen trockenen Zweig auftrat. Dieser brach und es kam dem Tier vor, als explodierte in der Nähe ein Baum. Die Schafe erstarrten, hörten auf zu kauen und blickten voller Furcht in ihren schwarzen Augen zum Gebüsch hin. Ein paar Grashalme hängten einem Lämmchen aus dem Maul, doch dieses schien es gar nicht zu bemerken.
„Scheiße“, fluchte der Wolf, duckte sich und kontrollierte noch einmal die Lage. Sieben Schafe standen mitten auf der Wiese. Wo war der Leithammel? Plötzlich vernahm der Wolf ein monotones Rauschen aus der Weidenecke. Der Hammel urinierte. Als er fertig war, rülpste er, entfernte sich ein paar Schritt von … na ja, ihr wisst schon, und graste entspannt weiter.
Der Wolf zog eine Grimasse. Er würde es doch noch schaffen, lächelte er schelmisch. Eines der zwei Lämmer stand schutzlos ein paar Meter von ihm entfernt.

„Versuch es nicht einmal!“, hörte er plötzlich rechts neben seiner strategisch äußerst günstigen Beobachtungsstelle.
„Was? Dann knüpfe ich mir deine Schenkel vor.“
Kann der Gedanken lesen oder was?, fragte der Wolf bei sich.
„Ich möchte mich nicht wiederholen. Außerdem reißen Wölfe ihre Artgenossen nicht.“
„Du bist doch ein Schaf!“
„Denkste. Ich habe lange an meiner Tarnung gearbeitet und lasse mir das jetzt nicht kaputt machen.“
„Wir könnten doch zusammen …“
„Nein! Diese Herde gehört mir! Such dir eine andere. Du bist hier in der Eifel. Hier wird es dir nicht an pelzigen Fleischvorräten mangeln. Lass dir etwas einfallen.“
Der hungrige Wolf war zu erschöpft, um sich auf einen Kampf mit dem schwarzen Schaf einzulassen. Sich geschlagen zu geben, war überhaupt nicht seine Art. Er blickte ein letztes Mal sehnsüchtig auf die ahnungslosen Schafe, bevor er von dannen zog. Seinen knurrenden Magen konnte ein geübtes Ohr noch ein Weilchen hören.
Das schwarze Schaf verdrehte die Augen.
„Noch einmal überlebe ich diese Anspannung nicht“, seufzte es und fiel in Ohnmacht.

Der Leithammel kam neugierig auf das schwarze Schaf zu und betrachtete es einen Augenblick.
„Was hat der schon wieder gefressen? Gibt es hier irgendwo etwa ein paar Hanfzweige oder Psychopilze?“
Die sieben weißen Schafe schüttelten mit ihren weißen Köpfen und wandten sich wieder ihrer Arbeit – dem Rasenmähen – zu.

Es ist immer gut, ein schwarzes Schaf um sich zu haben.

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