Fruchtbare Pilgerschaft


Sie sanken auf die Knie in lautlosem Gebet. Niemand störte ihre Ruhe in der Heimbacher St.-Salvator-Kirche. Die Zeit schien stehengeblieben und nur die Pietà sah zu ihnen von dem Antwerpener Altar hinunter, schmerzerfüllt. Fühlte sie auch mit ihnen mit?
Bernd und Andrea bekreuzigten sich, standen auf und verließen Hand in Hand die Kirche. Der Weg führte sie die asphaltierte Straße lang nach Süden, bis zur linken Hand eine Lichtung erschien. Dort bogen sie ein. Eine kleine Gruppe Wanderer breitete ihre Essensvorräte auf der Bank mitten im Grün aus und grüßte die beiden mit Kopfnicken und wandte sich wieder dem Essen zu.
Auch sie hatten ihre Rucksäcke mit Proviant und Wasser bepackt, bevor sie aufgebrochen waren. Doch erst nach der Pilgerwanderung wollten sie rasten, vielleicht an der letzten Station des Kreuzweges, der zum Kloster Mariawald führte. Der Tag war sonnig, wie die Wetter-Apps es versprochen hatten: sonnig und warm. Mit langsamen, bedachten Schritten stiegen sie den Hang hinauf. Bei jeder Station des Kreuzweges machten sie Halt und beteten. Selten sprachen sie unterwegs miteinander. Sie verstanden sich ohne Worte.
Sie waren bereits seit sieben Jahren verheiratet und hatten immer noch kein Kind. Das verflixte siebte Jahr machte es ihnen auch nicht gerade leichter. Und Ärzte? Ach, die Ärzte! Sie konnten dem verzweifelten Paar nicht helfen. Und herumpfuschen an Gottes Werk, das wollten die beiden nicht. Wenn Andrea schwanger werden sollte, dann nur durch Gottes Gnade. Nach langen schwierigen Zeiten, voller Verzweiflung, Vorwürfe und Groll fanden Andrea und Bernd schließlich wieder zu sich und zueinander – auf den Pilgerfahrten, auf die sie seit einem Jahr gingen. Auch eine merkwürdige Zuversicht, dass ihre Ausdauer mit Erfolg gekrönt werden würde, stellte sich bei beiden ein. Es war ihr vierzehnter Kreuzweg, den sie in der heimischen Eifel erpilgerten. Gott sah zu und würde es schon richten.
Andrea hielt an, Bernd trat an sie heran und holte aus ihrem Rucksack eine Flasche Wasser.
„Danke, Bernd.“ Sie trank ein paar Schluck und seufzte. „Jetzt du.“
Sie reichte ihm die Flasche, doch Bernd griff so ungeschickt nach ihr, dass er sie Andrea aus der Hand schlug. Die Flasche rollte den Hang hinunter und plumpste in den unten vorbeifließenden Bach.
„Oh, das war unsere zweite und letzte Flasche. Es tut mir leid“, sagt Bernd.
„Mir tut es leid. Ich war so tollpatschig.“
„Nein, dich trifft keine Schuld“, protestierte er, aber Andrea schmiegte sich an ihn und schloss seinen Mund mit einem Kuss. Bernd gab sich geschlagen. Und er tat es gern. Schließlich lösten sie sich voneinander und als er über Andreas Kopf hinweg sah, bemerkte er, dass sich der Himmel verfinsterte. In Gedanken vertieft hatten die beiden nicht bemerkt, wie sich das Licht über dem Blätterdickicht inzwischen verändert hatte.
„Andrea, ich glaube, wir müssen uns beeilen.“
„Hast du es wirklich sooo eilig?“, lachte sie kokett.
„Ich würde das gerne bejahen, aber … Schau lieber selbst.“
Sie folgte seinem ausgestreckten Arm.
„O, oje. Wir schaffen es nicht. Wir sind erst an der vierten Station vorbeigegangen.“
Sie beschleunigten die Schritte und sahen sich dabei nach einer Möglichkeit um, das Gewitter im Trockenen abzuwarten. Doch all die Bildstöcke boten keinen ausreichenden Schutz. Und die ersten großen Regentropfen prasselten schon auf das Blätterdach über ihren Köpfen. Bald würden sie nass werden.

„Da!“, rief Andrea plötzlich und zeigte auf einen verlassenen mehr Schuppen als Haus.
Sie rannten dorthin und blieben unentschlossen an der Schwelle stehen. Das Häuschen bot einen eher abstoßenden als einlandenden Anblick: Es war nicht nur demoliert, sondern zugestellt mit Backsteinklumpen, aus denen rostende Metallteile hervorstanden. Die beiden blickten über ihre Schultern und betraten, vorsichtig unter die Füße schauend, das winzige Gebäude. Immerhin war das Dach intakt.
Ein mächtiges Gewitter brach über sie herein und die Temperaturen sanken plötzlich so stark, dass es Andrea schauderte.
„Komm her.“ Bernd drückte Andrea an sich und rieb ihr den Rücken warm. „Es wird bestimmt nicht lange dauern.“
„Bestimmt“, seufzte sie.
Ein Blitz riss den Himmel auf und in unmittelbarer Nähe krachte ein Donner. Andrea drückte sich noch fester an Bernd, ihr Herz raste. Sie sog seinen Duft ein. Seinen Duft vermischt mit dem Geruch des feuchten Waldes … Sie begann zu zittern. Vor Erregung, Angst oder vor Kälte? Das wusste sie nicht mehr. Aber sie begehrte ihn auf einmal so intensiv, als gäbe es kein Morgen. Sie wollte, dass sie es hier und jetzt taten – mitten im Gewitter, mitten auf dem Kreuzweg.
Die Silhouette des Klosters Mariawald verschwand hinter dem schwarzen Regenvorhang.

Auf dem Kreuzweg, der zum Kloster Mariawald führt, bleibt ein Wanderer- vielleicht Pilgerpaar an der Station V. stehen. Sie setzt ihren Rucksack ab und holt daraus eine Flasche. Er setzt seinen Rucksack ab und schält vorsichtig ein Bündel aus der Babytrage.
„Na, Süßer. Wie gefällt dir dein erster Kreuzweg?“ Er küsst das Baby laut auf das rosarote Bäckchen, und das Baby quiekt glückselig.
Andrea betrachtet liebevoll ihre beiden Männer: der eine 41 Jahre, der andere ein Jahr alt.
„Simon passt sehr gut zu ihm, finde ich“, sagt Bernd und übergibt seinen Sohn der Frau, die er liebt.

Manchmal weiß man im nachhinein nicht, welcher Heilige einem wirklich geholfen hat … Wenn’s denn einer war 😉

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